Gesundheit (6/2016): Ist die RESILIENZ-Diskussion eine gefährliche Mogelpackung?

Autor Kategorie Datum
Dr. Martina Rehberg-Rechtenbach Gesundheit 8/2016

...um  eine natürliche Robustheit, ja Unverwüstlichkeit von Persönlichkeiten, eine Art Stehaufmännchen-Typ  zu beschreiben.  

Das lässt erahnen, warum auch in Deutschland der Begriff RESILIENZ vor einigen Jahren begann, den Fachbegriff Stresskompetenz zu verdrängen. - Warum wurde der Begriff Stresskompetenz nicht einfach beibehalten? Etwa deshalb, weil mit der Verwendung des Terminus RESILIENZ (1) ein Mensch unter Material-Aspekten betrachtet werden konnte: Menschenmaterial mit RESILIENZ-Faktor? Und vielleicht deshalb, weil damit das Wort Stress aus dem Blickfeld verschwand? Im Fokus der Betrachtung lag damit nicht so sehr der Stress, sondern vielmehr die sogenannte RESILIENZ?

 

Die arbeitsbezogene Resilienzforschung geht davon aus, dass es beeinflussbare Faktoren und Bedingungen gibt, unter denen ein Mensch alltägliche Stressoren bewältigen und seine Gesundheit erhalten kann. Dabei wird betont, dass der Einzelne unbedingt eine Auseinandersetzung mit schwierigen Aufgaben braucht, um eine gesunde Widerstandskraft aus wiederholten Bewältigungserfolgen entwickeln zu können.

Das klingt nach einem pro-aktiven Vorgehen, transparent und steuerbar. Stresskompetenz wurde auf genau dieselbe Art erworben.

Wer jedoch entscheidet über den erlaubten Schwierigkeitsgrad von Lebens- und Arbeitsaufgaben, und unter welchen Bedingungen wird auch ein „wiederholter Bewältigungserfolg“ zum Stress?

Ist es nicht eher so, dass mit der Begriffsverwirrung  RESILIENZ hier ein Vorgang aus der physischen Belastungserprobung von Materialien und Werkstoffen auf die psychische Belastbarkeit von Menschen übertragen  wurde? - Erst beim Materialbruch wird festgestellt, dass die Belastung zu hoch war:  Was bedeutet das für einen Menschen? Resilienzwissenschaftliche Verklausulierungen können über einige Fakten nicht hinwegtäuschen:

Seit Jahrzehnten wird in Japan um die Anerkennung von „Karooshi“ (Tod durch Überarbeitung) vor Gerichten geklagt. Nur zögerlich sind die Krankenkassen in Deutschland bereit,  Burnout als lebensbedrohliche Krankheit anzuerkennen.

 

Als systemischer Coach werde ich zunehmend mit Anzeichen von Überforderung bei meinen Klienten konfrontiert. Und es entsteht  für mich die Frage , wodurch ein Klient unterscheiden kann, ob seine RESILIENZ  in verschiedenen Bereichen von Identität über Fähigkeiten bis zur Wahrnehmung  nachhaltig ausgeprägt ist, oder ob er unter täglichem Kraftaufwand eine Anpassungsleistung erbringt, die zunehmend eine Verleugnung individueller Bedürfnisse erfordert.

Nach meiner Erfahrung ist es nämlich kaum möglich, zwischen „der“ RESILIENZ und Selbstunterdrückung zu unterscheiden, denn Rahmenbedingungen und Belastungen in den jeweiligen Ebenen menschlichen Handelns können rasch wechseln und selbst eine Führungskraft mit hohem RESILIENZ-FAKTOR aus dem Gleichgewicht bringen.

- Dient also die ganze Diskussion um  RESILIENZ eher einer Verschleierung  von zunehmenden Ungleichgewichten? Ein Ablenkungsmanöver von tatsächlich vorhandenem Stress, dramatisch steigenden Krankenständen und kaum noch zu bezahlenden Reha-Kuren nach Infarkten und Burnout?

Viele Stressfaktoren  am Arbeitsplatz lassen sich eben nicht dadurch beseitigen, dass sie im  RESILIENZ-Bild vom Stehaufmännchen versteckt werden.

 

Neuerdings wird in den Medien eine Verrohung unserer Sprache beklagt. Es geht um emotional negativ aufgeladene Sprache, dehumanisierte Sprache als Kommunikationswaffe. Beim genaueren Hinsehen scheint der gegenwärtig erreichte Stand nur Ausfluss einer jahrzehntelang schleichenden Sprachverrrohung in allen Bereichen unseres Lebens zu sein.

Bei dem seiten- und seminarefüllenden Aufwand um RESILIENZ stört es offenbar niemanden, dass allein mit der Verwendung des Begriffs RESILIENZ in Bezug auf Menschen ein weiteres trauriges Beispiel für eine gezielte Dehumanisierung unserer Sprache erbracht wurde.

Der originär physikalische Begriff RESILIENZ im HR-Bereich bringt nach Unwörtern wie  „menschlicher Faktor“ und „Humankapital“ nun eine Assoziation zu „Menschenmaterial“ hervor. Das klingt nicht nur nach Sprachverrohung, sondern auch nach bedenklicher ideologischer Einfärbung von Sprache.

Es gilt also, RESILIENZ-FAKTOREN für Menschen zu definieren,  RESILIENZ aufzubauen, RESILIENZ zu trainieren. Es kann gar nicht genug RESILIENZ sein. Mich erinnert das eher an flinke Windhunde und harten Kruppstahl – und an Selbsthass.

Die Einführung des Begriffs  RESILIENZ  in der Personalentwicklung und im Gesundheitsmanagement  führte zu einer weiteren Zerlegung des  „Faktors Mensch“ , weil es offenbar noch eine humanoide Materialgüteklasse brauchte.

 

Manipulation des menschlichen Denkens beginnt nach dem französischen Soziologen Gustav Le Bon (1841-1931) mit bildhaft-einprägsamer Umdeutung, und hier wird geschickt

(unser aller) menschliches Denken manipuliert und unausweichlich zu einer Selbstabwertung geführt. (2)

In Bezug auf leistungsorientierte Führungskräfte kann das bedeuten, dass der Einzelne sich mehr und mehr als Objekt mit RESILIENZ-FAKTOR  betrachtet, das in einem Leistungsgetriebe zu funktionieren hat.

 

Im Einzelcoaching mit Führungskräften stellt sich für mich häufig heraus, dass es bei Burnout-gefährdeten Klienten um das Thema (Selbst)-Schuld und (Selbst)-Hass geht – woher kommt das?

Wieviel Selbstwertgefühl  bleibt bei der einzelnen Führungskraft übrig im Spektrum technischer und biologischer Materialanforderungen?

Liegen die Ursachen von Selbstentfremdung bis zum  Selbsthass in einer schleichenden sprachlichen Umprogrammierung, die wir zunächst gar nicht wahrnehmen? Sprachverrohung beginnt nicht erst mit Straßenkampfparolen, nein, das kennen wir alle und seit langem: Fast jeder hat schon einmal  begeistert und neugierig zum Beispiel einen „harmlosen“ Intelligenz-Tests  gemacht, um herauszufinden, ob der eigene „Intelligenz-Quotient“ gesellschaftsfähig ist. Mit einem „RESILIENZ-FAKTOR“ dürfte das ähnlich funktionieren.

 

Nach Meinung renommierter Burnout-Forscher ist es auch die eben angedeutete (das Auflisten weiterer Beispiele würde Bücher füllen) Dehumanisierung unserer Sprache, die einer Selbstausbeutung bis zum teilweise tödlichen Burnout Vorschub leistet. (3)

Mit anderen Worten: So manche Forderung nach mehr RESILIENZ zieht die Daumenschrauben nur noch fester…

 

In deutschen Unternehmen und Einrichtungen wird eine Menge Geld investiert, um mit den eigenen Führungskräften effizientes Zeitmanagement, Selbstmanagement, Ressourcenmanagement, progressive Muskelentspannung, Bauch und Rücken…..und… und… zu trainieren. RESILIENZ-Faktoren sollen gestärkt werden. Mit weitaus weniger Aufwand könnte exakt gemessen und ausgewertet werden, in welchen Unternehmensbereichen und Führungsebenen tatsächlich Stress verursacht wird.(4)

 

Fazit: Vieles an der  RESILIENZ-Diskussion mitsamt Präventionsmaßnahmen erweist sich unter diesen Aspekten als Mogelpackung. Und sie leistet einer Dehumanisierung unserer Sprache burnoutgefährlichen Vorschub. Es wäre eine enorme Wieder-Bereicherung der deutschen Unternehmenskommunikation,  wenn ursächlich stressauslösende Faktoren benannt würden (5)  und das Wort RESILIENZ wieder dorthin zurückkehrte, wo es entstand, nämlich in die Materialwirtschaft.

 

(1) Resilienz bezeichnet ursprünglich die physikalische Eigenschaft eines Materials, nach einer Belastung schnell in den Ausgangszustand zurückzugehen.

 

(2)“Assoziationen zwischen ganz ähnlichen Dingen mit nur oberflächlichen Beziehungen, und eilfertige Verallgemeinerungen von Einzelfällen, das sind die Merkmale des Massen-Denkens.

(….)

Der Redner, der mit der Masse in innigem Kontakt steht, weiß die Bilder hervorzurufen, durch die sie verführt werden. Gelingt ihm dies, so ist sein Ziel erreicht, und zwanzig Bände Reden wiegen die wenigen Phrasen nicht auf, die in das zu besiegende Gehirn eindrangen.“

In: Gustav Le Bon: Psychologie der Massen (Originalausgabe: Psychologie de Foules, Paris 1895),  deutsche Ausgabe: Köln 2011, S. 64

 

(3) Die US-amerikanischen Forscher Golembiewski und Munzenrider  haben in den 1980er Jahren ein Drei-Phasen-Modell des Burnout entwickelt. Ihrer Meinung nach beginnt Burnout mit einer Dehumanisierung im Denken und in der Sprache. Das bedeutet, dass ausgebrannte Personen häufig den Menschen, mit denen sie zu tun haben, die Schuld für ihren „Ausfall“ geben, weil sie selbst ja perfekt funktioniert hatten.

Besonders leistungsfähige Menschen, die zudem stark auf Selbstkontrolle fokussiert sind, laufen unter diesem Anforderungsdruck Gefahr, sich selbst eher als Objekte wahrzunehmen und sich damit selbst abzuwerten. Psychologisch betrachtet handelt sich hier um einen Abwehrmechanismus gegen eine beginnende Erkrankung  mit sehr unterschiedlichen Symptomen, die monate- und jahrelang verdrängt werden – bis zum Endstadium Burnout.

 

(4) Der deutsche Gesetzgeber hat aus gutem Grund präzise Vorgaben für Unternehmen festgeschrieben, psychischen Stress jedes einzelnen Mitarbeiters zu messen,  in einer „Psychischen Gefährdungsbeurteilung“ zu dokumentieren und stressauslösende Faktoren weitgehend abzubauen.

Der Gesetzgeber kann bei Nichterfüllung durch den Arbeitgeber  Strafen bis zu 25.000 € verhängen,  Arbeitnehmer können etwaige Versäumnisse ihres Arbeitgebers einklagen, aber auch Krankenkassen sind im Recht, wenn sie bei nachgewiesener  Inaktivität oder Unwirksamkeit von Präventionsmaßnahmen nach 6 Wochen Krankheit kein Krankengeld fortzahlen.

 

(5) Mit einer wissenschaftlich fundierten und mehrfach evaluierten Software ist es inzwischen europaweit möglich, bei hunderten bis tausenden Mitarbeitern eines Unternehmens  die jeweils individuell empfundene Stressbelastung zu messen und stressauslösende Faktoren sofort zu erkennen.

Das jeweilige Unternehmen kann innerhalb weniger Tage anhand der ermittelten Werte punktgenaue und für alle Beteiligten gewinnbringende Entscheidungen treffen und damit sowohl die Betriebsabläufe optimieren als auch die Stressbelastung für jeden einzelnen Mitarbeiter senken.

Der Begriff RESILIENZ taucht in der Software nicht auf, wahrscheinlich, weil es um das Wesentliche geht: Um individuell empfundenen Stress.

Und damit zurück zum Menschen.

 

Über die Autorin Dr. Martina Rehberg-Rechtenbach  Zertifizierter Coach(DCV)

Seit 12 Jahren begleite ich Menschen in beruflichen und persönlichen Veränderungsprozessen.

Als Kommunikationsexpertin und Coach bin ich für Einrichtungen in Wissenschaft und Wirtschaft vor Ort.

In meiner Arbeit geht es mir vor allem darum, bereits im Detail einen Gesamtzusammenhang zu erkennen.

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